Atopische Dermatitis (atopisches Ekzem): Chronisch-entzündliche Hauterkrankung
Übersicht
Atopische Dermatitis (AD), auch bekannt als atopisches Ekzem oder diffuse Neurodermitis, ist eine chronische, rezidivierende entzündliche Hauterkrankung, die durch starken Juckreiz, trockene Haut und ekzematöse Läsionen gekennzeichnet ist. Sie beginnt in der Regel in der frühen Kindheit und steht in Zusammenhang mit anderen atopischen Erkrankungen in der Familienanamnese oder der persönlichen Anamnese, wie allergischer Rhinitis, Asthma bronchiale oder saisonalen Allergien (Pollinose). Der Begriff „Atopie“ bezeichnet eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit des Immunsystems gegenüber verschiedenen Umweltallergenen.
In etwa 60 % der Fälle beginnt die atopische Dermatitis innerhalb des ersten Lebensjahres, meist im Alter von 3 Monaten. Die Erkrankung betrifft Männer im Säuglingsalter etwas häufiger, während Frauen in der Pubertät überwiegen. AD wird als Teil der „atopischen Trias“ (zusammen mit Asthma und allergischer Rhinitis) angesehen, und bis zu 70 % der Patienten haben eine familiäre Vorbelastung für atopische Erkrankungen. Obwohl sie bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben kann, ist ein Ausbruch im Erwachsenenalter selten.
Auslösende Faktoren
Schübe der atopischen Dermatitis werden häufig durch eine Kombination aus Umwelt-, Immun- und Lebensstilfaktoren ausgelöst. Zu den häufigen verschlimmernden Faktoren gehören:
- Allergene: Inhalative (Hausstaubmilben, Pollen), Nahrungsmittel (Eier, Milch, Soja, Weizen) und Kontaktallergene (Nickel, Duftstoffe);
- Trockene Haut: Durch zu häufiges Waschen, Verwendung aggressiver Seifen oder niedrige Luftfeuchtigkeit;
- Hormonelle Veränderungen: Pubertät, Menstruation, Schwangerschaft, Schilddrüsenfehlfunktion;
- Emotionaler Stress: Angstzustände, Müdigkeit oder psychische Überlastung können Symptome auslösen oder verschlimmern;
- Infektionen: Sekundäre bakterielle (z. B. Staphylococcus aureus), virale (Herpes simplex) oder Pilzinfektionen;
- Parasitenbefall: Giardiasis, Enterobiasis, Toxocariasis usw.;
- Reizende Kleidung: Wolle, synthetische Stoffe, Federkissen, aggressive Waschmittel;
- Klimatische Bedingungen: In gemäßigten Klimazonen verschlimmern sich die Symptome oft im Winter und bessern sich im Sommer.
Pathogenese
Atopische Dermatitis ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels zwischen genetischer Veranlagung, Immundysregulation und Umwelteinflüssen. Zu den wichtigsten Mechanismen zählen:
- IgE-vermittelte Überempfindlichkeit: Obwohl die genaue Rolle unklar ist, sind häufig erhöhte IgE-Spiegel und eine Sensibilisierung gegenüber Allergenen vorhanden. Langerhans-Zellen und Mastzellen spielen eine wichtige Rolle bei der Auslösung von Entzündungsreaktionen über die Bindung von IgE.
Chronische Entzündung: Eine anhaltende Aktivierung des Immunsystems mit Dominanz von Th2-Zytokinen führt zu anhaltenden Hautentzündungen und Juckreiz.
Neuroimmunologische Signalwege: Juckreiz und Kratzen führen zu einer erhöhten Hautempfindlichkeit und einer verstärkten Aktivierung von Th2-Zytokinen.
Neuroimmunologische Signalwege: Juckreiz und Kratzen führen zu einer erhöhten Hautempfind
- Chronische Entzündung: Eine anhaltende Immunaktivierung mit Dominanz von Th2-Zytokinen führt zu einer persistierenden Hautentzündung und Pruritus.
- Neuroimmune Signalwege: Juckreiz und Kratzen perpetuieren den Entzündungszyklus über neuronale und immunologische Signalwege.
Klinisches Erscheinungsbild
AD ist gekennzeichnet durch starken Juckreiz, Xerosis (trockene Haut), ekzematöse Hautausschläge und Lichenifikation. Die Krankheit verläuft in akuten, subakuten und chronischen Stadien mit unterschiedlichen morphologischen Merkmalen.
Akutes Stadium:
- Erythematöse Flecken und Plaques mit unscharfen Rändern;
- Exsudation, Bläschen und Krusten;
- Schwellung und Ödeme der betroffenen Haut;
- Exkoriationen und Sekundärinfektionen mit Pusteln (häufig S. aureus);
- Lokalisierte oder generalisierte Hautbeteiligung.
Chronisches Stadium:
- Lichenifikation: Verdickung der Haut mit verstärkten Hautlinien durch wiederholtes Kratzen;
- Hyperpigmentierung und Rissbildung: Vor allem an Händen, Füßen, Fingern und Handflächen;
- Kleine Papeln an den Haarfollikeln;
- Verlust der seitlichen Augenbrauen, Verdunkelung der Augenlider und Denny-Morgan-Linien unter den Augen;
- Weißer Dermographismus: Nach dem Streicheln der Haut erscheint aufgrund von Gefäßkrämpfen eine weiße Linie.
Altersspezifische Merkmale der atopischen Dermatitis
Säuglinge (0–2 Jahre):
Tritt häufig als schwere, früh auftretende Hauterkrankung mit Erythemen, Ödemen, Bläschen, Krusten und Fissuren auf. Häufige Lokalisationen sind das Gesicht (außer den Lippen) und die Streckseiten der Extremitäten. Auslöser sind meist Nahrungsmittelallergene.
Kinder (2–12 Jahre):
Die Läsionen werden chronischer mit verhornenden Plaques, Exkoriationen und Erosionen. Am häufigsten sind die Beugeseiten der Ellenbogen und Knie sowie der Hals und die Handgelenke betroffen.
Jugendliche und Erwachsene:
Die Erkrankung verläuft chronisch und rezidivierend, häufig ausgelöst durch Stress oder hormonelle Veränderungen. Die Läsionen sind eher generalisiert oder betreffen typische Beugestellen, das Gesicht, den Hals und die oberen Extremitäten. Exazerbationen können sich als Papeln, verkrustete Plaques, Fissuren und Pusteln mit Lichenifikation äußern. Noduläre Varianten können Prurigo nodularis ähneln.
Komplikationen der atopischen Dermatitis
Atopische Dermatitis ist zwar nicht lebensbedrohlich, kann jedoch zu mehreren Komplikationen führen, die die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigen:
- Sekundäre bakterielle Infektion: Oft aufgrund von Kratzen, hauptsächlich verursacht durch Staphylococcus aureus, was zu Impetigo, Krusten und nässenden Erosionen führt;
- Kaposi-Varicelliform-Eruption: Eine seltene, aber schwere Komplikation, die durch das Herpes-simplex-Virus verursacht wird und durch einen großflächigen vesikulopustulären Hautausschlag, Fieber und Lymphadenopathie gekennzeichnet ist;
- Schlafstörungen: Aufgrund anhaltenden Juckreizes, insbesondere nachts;
- Psychosoziale Belastung: Geringes Selbstwertgefühl, Angstzustände oder Depressionen aufgrund sichtbarer Läsionen und chronischer Symptome;
- Progression zu anderen atopischen Erkrankungen: Bis zu 50 % der Kinder können eine allergische Rhinitis oder Asthma bronchiale entwickeln („atopischer March“).
Diagnose
Die Diagnose einer atopischen Dermatitis wird in erster Linie klinisch anhand der Anamnese und der körperlichen Untersuchung gestellt. Typische Merkmale sind:
- Früher Ausbruch im Säuglings- oder Kindesalter;
- Chronisch-rezidivierender Verlauf mit juckenden, ekzematösen Läsionen;
- Charakteristische Verteilung nach Alter;
- Atopie in der Familienanamnese;
- Weißer Dermographismus und Lichenifikation;
- Erhöhte Gesamt-IgE-Konzentration im Serum (in vielen, aber nicht allen Fällen).
Zusätzliche diagnostische Hilfsmittel:
- Hautabstriche: Zum Nachweis von Staphylococcus aureus in der Nasen- oder Hautflora;
- Virus-Kultur: Bei Verdacht auf Kaposi-Ekzem herpeticum (Herpes-simplex-Virus);
- Allergietests: Hautpricktest, Skarifizierung oder intradermale Tests zur Identifizierung von Allergenen;
- Nahrungsmittelprovokationstests: Bei Verdacht auf eine durch Nahrungsmittel ausgelöste Erkrankung unter ärztlicher Aufsicht;
- Histologie (selten): Bei unklaren Fällen; Befunde umfassen Spongiosis, Akanthose, lymphozytäre Infiltrate, gelegentlich Mastzellen;
- Serologische Tests: Radioallergosorbent-Test (RAST) auf allergenspezifische IgE-Antikörper.
Behandlungsstrategie
Die Behandlung der atopischen Dermatitis ist multifaktoriell und individuell anzupassen. Die Ziele sind die Verringerung von Entzündungen und Juckreiz, die Wiederherstellung der Hautbarriere, die Vorbeugung von Schüben und die Behandlung von Begleiterkrankungen.
Kernkomponenten der Behandlung:
- Hypoallergene Ernährung: Vermeidung bekannter Nahrungsmittelallergene;
- Umgebungskontrolle: Vermeidung bekannter Auslöser (Staub, Haustiere, Hitze, Textilien usw.);
- Topische Therapie: Umfasst Emollientien, Kortikosteroide, Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus) und antiseptische Mittel für infizierte Läsionen;
- Systemische Therapie: Antihistaminika gegen Juckreiz, orale Kortikosteroide bei schweren Schüben (kurzfristig), Immunsuppressiva (z. B. Cyclosporin) in refraktären Fällen und Biologika wie Dupilumab (Anti-IL-4/IL-13) bei mittelschwerer bis schwerer Erkrankung;
- Behandlung von Sekundärinfektionen: Topische oder systemische Antibiotika nach Bedarf;
- Begleittherapie: Psychotherapie bei stressbedingten Schüben, Aufklärung der Patienten und ihrer Angehörigen sowie Unterstützungsprogramme.
Prognose
Die langfristige Prognose ist individuell unterschiedlich:
- Bei vielen Kindern bessern sich die Symptome bis zum Jugendalter deutlich oder verschwinden ganz;
- Exazerbationen bei Jugendlichen sind in der Regel schwerer, können aber mit konsequenter Behandlung gut kontrolliert werden;
- Bei Erwachsenen verläuft die Erkrankung oft chronisch mit Remissionsphasen und Rückfällen und kann zusammen mit anderen atopischen Erkrankungen auftreten;
- Begleitendes Asthma oder allergische Rhinitis entwickeln sich bei 30–50 % der Patienten.
Differentialdiagnose
Zu den Erkrankungen, die einer atopischen Dermatitis ähneln und ausgeschlossen werden müssen, gehören:
- Seborrhoische Dermatitis;
- Kontaktdermatitis (allergisch oder irritativ);
- Psoriasis;
- Nummuläres Ekzem;
- Dermatophytose (Tinea);
- Kutanes T-Zell-Lymphom (Frühstadien);
- Genodermatosen (z. B. Wiskott-Aldrich-Syndrom, Akrodermatitis enteropathica);
- Systemische Erkrankungen mit Hauterscheinungen (z. B. Zöliakie, Glucagonom, Histiozytose X).
Vorbeugende Maßnahmen
Die Prävention konzentriert sich auf Hautpflege, Allergenvermeidung und Gesunderhaltung:
- Tägliche Anwendung von Emollientien zur Aufrechterhaltung der Hautfeuchtigkeit;
- Vermeiden Sie heißes Wasser und Seife, verwenden Sie nur milde Reinigungsmittel;
- Identifizieren und vermeiden Sie Auslöser in der Umwelt oder in Lebensmitteln;
- Tragen Sie atmungsaktive, nicht reizende Kleidung (vorzugsweise Baumwolle).
- Behandeln Sie Begleiterkrankungen (Asthma, Rhinitis, Magen-Darm-Erkrankungen).
- Klären Sie Pflegepersonen und Patienten auf, um die Einhaltung der Behandlung sicherzustellen und Ängste abzubauen.
- Regelmäßige Nachuntersuchungen bei Dermatologen oder Allergologen zur Früherkennung von Schüben und zur langfristigen Behandlungsplanung.
Mit konsequenter Pflege, Aufklärung und Anpassungen der Lebensweise kann atopische Dermatitis wirksam behandelt und ihre Auswirkungen auf das körperliche und emotionale Wohlbefinden deutlich verringert werden.