Neue Leitlinien der AAD und der HS Foundation geben Hoffnung für die Behandlung von Hidradenitis suppurativa
Neue gemeinsame Leitlinien zur Hidradenitis suppurativa: Was Betroffene wissen sollten
Die American Academy of Dermatology (AAD) und die Hidradenitis Suppurativa Foundation (HSF) haben erstmals gemeinsam Leitlinien zur Behandlung der Hidradenitis suppurativa (HS) veröffentlicht. Diese Empfehlungen richten sich an Menschen ab 9 Jahren – also Kinder, Jugendliche und Erwachsene – und enthalten 37 evidenzbasierte Empfehlungen zu Behandlung und Versorgung. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology, Pressemitteilung der American Academy of Dermatology)
Was ist Hidradenitis suppurativa?
Hidradenitis suppurativa (HS) ist eine chronische Hauterkrankung, die schmerzhafte Knoten, Abszesse und unter der Haut verlaufende Gänge (Sinus) verursacht – meist in Bereichen wie den Achselhöhlen, der Leiste oder unter der Brust. HS kann anhaltende Schmerzen, Narbenbildung und seelische Belastungen mit sich bringen. Die neuen Leitlinien sollen Betroffenen, Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenkassen eine klare, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Orientierung für die Behandlung bieten. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte
- Die Leitlinien basieren auf einer formalen Bewertungsmethode (GRADE) und beziehen auch die Sichtweisen von Betroffenen ein, um herauszufinden, was ihnen besonders wichtig ist. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Vier Biologika erhielten eine klare Empfehlung für Menschen mit mittelschwerer bis schwerer HS: Adalimumab, Bimekizumab, Secukinumab und Infliximab. Die Beweislage war je nach Medikament unterschiedlich stark. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Viele weitere Behandlungen wurden nur eingeschränkt empfohlen – sie können je nach Einzelfall hilfreich sein. Einige Therapien wurden dagegen abgeraten. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Die Autorinnen und Autoren der Leitlinie weisen darauf hin, dass sogenannte Step-Therapien (bei denen zuerst günstigere Behandlungen ausprobiert werden müssen) für HS keine nachgewiesenen Vorteile bringen und sogar zu Verzögerungen und schlechteren Ergebnissen führen können. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Was die Leitlinien zu Biologika sagen
Biologika sind moderne verschreibungspflichtige Medikamente, die gezielt bestimmte Teile des Immunsystems beeinflussen. Das Expertengremium spricht klare Empfehlungen für diese Biologika bei mittelschwerer bis schwerer HS aus:
- Adalimumab (40 mg wöchentlich). In mehreren randomisierten Studien erreichten etwa doppelt so viele Menschen unter Adalimumab nach 12 Wochen eine deutliche Besserung im Vergleich zu Placebo. Als Maß für den Erfolg wird häufig HiSCR50 verwendet – das bedeutet mindestens 50 % weniger schmerzhafte Knoten und Abszesse. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Bimekizumab (320 mg alle 2 Wochen). In Studien zeigte Bimekizumab nach 16 Wochen bessere Ergebnisse als Placebo, sowohl bei HiSCR50 als auch bei HiSCR75 (etwa 75 % Verbesserung). (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Secukinumab (300 mg alle 2 oder 4 Wochen). Auch hier zeigten Studien nach 16 Wochen eine Verbesserung gegenüber Placebo. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Infliximab. Das Gremium empfahl Infliximab für Menschen mit therapieresistenter HS, da es bei einigen große Vorteile zeigte. Die besten Ergebnisse wurden bei 10 mg/kg alle 4 Wochen berichtet, allerdings war die Beweislage etwas schwächer als bei den anderen drei Biologika. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Weitere wichtige Hinweise der Leitlinien:
- In manchen Fällen wird empfohlen, Adalimumab rund um Operationen nicht automatisch abzusetzen, sondern die Behandlung fortzusetzen. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Für Upadacitinib gibt es eine eingeschränkte Empfehlung bei mittelschwerer bis schwerer HS. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- Einige Biologika wie Etanercept, Guselkumab, Risankizumab und Vilobelimab wurden nicht empfohlen, da Studien keine relevanten Verbesserungen bei den wichtigsten Ergebnissen zeigten. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Topische Mittel, Antibiotika und andere Behandlungsoptionen
Bei leichter bis mittelschwerer HS unterstützen die Leitlinien den Einsatz von äußerlich angewendeten Mitteln wie topischem Clindamycin, Resorcinol und topischem Ruxolitinib. Eine Phase-2-Studie mit 1,5 % Ruxolitinib-Creme zeigte, dass mehr Menschen nach 16 Wochen HiSCR50 erreichten als mit der Vergleichscreme. Allerdings war dies eine frühe Studie mit geringer Beweiskraft. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Gängige orale Antibiotika wie Doxycyclin und Tetracyclin sowie die Kombination aus Clindamycin und Rifampicin erhielten eine eingeschränkte Empfehlung. Intravenöses Ertapenem wird als kurzfristige Option bei schweren, therapieresistenten Fällen vorgeschlagen, meist als Überbrückung zu einer längerfristigen Behandlung. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Das Expertengremium unterstützt eingeschränkt auch Spironolacton und kurzzeitige systemische Kortikosteroide in bestimmten Situationen. Von einer routinemäßigen Anwendung von Medikamenten wie Acitretin, Isotretinoin, Methotrexat, Azathioprin und Avacopan wird eher abgeraten, wobei Methotrexat und Azathioprin bei manchen Betroffenen zur Vermeidung oder Behandlung von Antikörpern gegen Biologika weiterhin eingesetzt werden können. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Operative und weitere unterstützende Maßnahmen
Verschiedene Eingriffe werden je nach individueller Situation als Optionen empfohlen, darunter:
- Deroofing (Entfernung der „Dachschicht“ von Gängen oder Abszessen),
- Inzision und Drainage,
- Entfernung betroffener Hautareale (lokal oder regional),
- Laser-Haarentfernung,
- Botulinumtoxin-Injektionen,
- intralesionale Triamcinolon-Injektionen (Kortison),
- und ergänzende hyperbare Sauerstofftherapie.
Praktische Empfehlungen der Leitlinien umfassen außerdem: keine Strahlentherapie bei Kindern und Jugendlichen, regelmäßige Schmerzbewertung im Rahmen der Behandlung sowie unterstützende Maßnahmen wie Schmerzmanagement, Hilfe beim Rauchstopp, orale Zinkgabe bei Bedarf und Vitamin-D-Ersatz bei Mangel. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Was die Leitlinien zu Behandlungen ohne ausreichende Belege sagen
Die Autorinnen und Autoren bewerteten die Beweislage als unzureichend, um bestimmte Medikamente und Ansätze zu empfehlen – darunter GLP-1-Agonisten oder kombinierte GLP-1/GIP-Rezeptor-Agonisten, spezielle Diäten sowie einige Biologika wie Ustekinumab. Sie fordern mehr direkte Vergleiche zwischen Biologika und bessere Messgrößen, die auch milde Krankheitsverläufe und die Belastung durch unter der Haut verlaufende Gänge erfassen. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Beteiligung von Patientinnen und Patienten sowie Gesundheitssystem-Themen
Das Expertengremium nutzte den GRADE-Ansatz, der die Qualität der Beweise systematisch bewertet und Nutzen sowie Risiken abwägt. Betroffene wurden eingebunden, um reale Werte und Präferenzen einzubeziehen. Die Autorinnen und Autoren warnen außerdem davor, dass Step-Therapie-Regeln, die vorschreiben, erst bestimmte Behandlungen auszuprobieren, bei HS keinen klinischen Vorteil bringen und den Zugang zu passenden Therapien verzögern sowie die Ergebnisse verschlechtern können. (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
Wie Sie Veränderungen Ihrer Haut verfolgen können
Wenn Sie mit HS leben, kann es hilfreich sein, betroffene Hautstellen über die Zeit mit einfachen Fotos zu dokumentieren. So können Sie und Ihre Ärztin oder Ihr Arzt besser erkennen, ob Knoten, Abszesse oder Gänge sich verbessern oder verschlechtern. Fotos sind auch bei Arztbesuchen nützlich, um Veränderungen zu besprechen.
Wann Sie eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen sollten
Wenn Sie schmerzhafte, wiederkehrende Knoten, Abszesse, neue oder sich schnell verändernde Hautveränderungen, zunehmende Schmerzen oder Anzeichen einer Infektion (Fieber, sich ausbreitende Rötung) bemerken, sollten Sie eine medizinische Fachkraft aufsuchen. Entscheidungen zur Behandlung von HS sollten gemeinsam mit einer Dermatologin oder einem Dermatologen oder einer anderen erfahrenen Fachperson getroffen werden. Dieser Artikel erklärt die Leitlinien, ersetzt aber keine individuelle medizinische Beratung.
Quellen
- Naik HB, Yeung H, Frazer-Green L, et al. Joint American Academy of Dermatology-Hidradenitis Suppurativa Foundation guidelines of care for the management of hidradenitis suppurativa. Published online October 17, 2026. https://doi.org/10.1016/j.jaad.2026.08.125 (Quelle: Journal of the American Academy of Dermatology)
- American Academy of Dermatology. First joint guidelines of care for hidradenitis suppurativa issued by American Academy of Dermatology and Hidradenitis Suppurativa Foundation. Published October 20, 2026. https://www.prnewswire.com/news-releases/first-joint-guidelines-of-care-for-hidradenitis-suppurativa-issued-by-american-academy-of-dermatology-and-hidradenitis-suppurativa-foundation-302914286.html (Quelle: Pressemitteilung der American Academy of Dermatology)