Sommerliche Hautpflege-Mythen aufgeklärt: Solltest du Retinoide und Säuren im Sommer absetzen?

Sollten Sie Retinoide und exfolierende Säuren im Sommer absetzen?

Jedes Frühjahr und jeden Sommer tauchen in den sozialen Medien Beiträge auf, die dazu raten, Retinoide, chemische Peelingsäuren (wie AHAs und BHAs) und andere „aktive“ Hautpflegeprodukte bei wärmerem Wetter nicht mehr zu verwenden. Die Botschaft ist einfach: Diese Inhaltsstoffe dürften in der Sonne nicht angewendet werden, da sie zu Verbrennungen, dunklen Flecken oder dauerhaften Schäden führen können.

Diese pauschale Regel klingt beängstigend, ist aber eine starke Vereinfachung. Manche Wirkstoffe reagieren tatsächlich mit Sonnenlicht, doch das heißt nicht automatisch, dass Sie sie monatelang absetzen müssen. Häufig ist es sicherer und sinnvoller, die Anwendung anzupassen – zum Beispiel abends aufzutragen, konsequent Sonnenschutz zu verwenden und die Konzentration zu reduzieren – anstatt die Behandlung komplett zu stoppen.

Kurze Zusammenfassung

Einige Inhaltsstoffe erhöhen tatsächlich die Lichtempfindlichkeit der Haut, darunter die Alpha-Hydroxysäuren (AHAs). Bei den meisten Retinoiden ist das größere Problem, dass Sonnenlicht den Wirkstoff abbaut, nicht unbedingt, dass die Haut dadurch gefährlich lichtempfindlich wird. Eine mehrmonatige Pause bei wirksamen Behandlungen kann Fortschritte zunichtemachen – besonders bei Akne, Anti-Aging oder Melasma. Die praktische Lösung besteht in gutem Sonnenschutz und richtiger Anwendung. Änderungen sollten Sie immer mit Ihrer Hautärztin oder Ihrem Hautarzt besprechen.

Wie Sonnenlicht und Hautpflege zusammenwirken

Wenn es um „aktive“ Wirkstoffe und Sonne geht, werden zwei Dinge oft verwechselt:

  • Photodegradation bedeutet, dass der Wirkstoff selbst durch Licht zerfällt und dadurch weniger wirksam wird.
  • Photosensibilität heißt, dass die Haut durch das Produkt empfindlicher auf UV-Strahlen reagiert – mit mehr Rötung, Brennen oder Schäden.

Das sind zwei unterschiedliche Effekte. Ein Produkt kann im Licht zerfallen, ohne die Haut empfindlicher zu machen. Und ein Wirkstoff kann die Haut lichtempfindlicher machen, obwohl er selbst stabil bleibt.

Was wir über Retinoide (wie Tretinoin) wissen

Tretinoin ist photolabil, das heißt, Sonnenlicht baut den Wirkstoff ab. Studien zeigen, dass herkömmliche Tretinoin-Präparate nach wenigen Stunden UVA-Bestrahlung einen Großteil des Wirkstoffs verlieren. Neuere Formulierungen, etwa mikroverkapselte oder mikronisierte Varianten, sind dagegen lichtstabiler. (Quelle: Del Rosso JQ, Harper J, Pillai R, Moore R. Tretinoin photostability study, J Clin Aesthet Dermatol.)

Der Abbau durch Sonnenlicht beeinträchtigt vor allem die Wirksamkeit, ist aber kein eindeutiger Hinweis darauf, dass Tretinoin schwere Sonnenreaktionen verursacht. Ältere Labor- und Patient*innenstudien fanden kaum Belege dafür, dass topische oder orale Retinoide bei den meisten Menschen klassische Photosensibilität auslösen. Manche Beschwerden wie Sonnenempfindlichkeit in den ersten Wochen sind eher auf eine dünnere Hautbarriere oder eine verstärkte Durchblutung zurückzuführen – nicht auf eine direkte, vorhersehbare Lichtempfindlichkeit. (Quelle: Ferguson J, Johnson BE. Photosensitivity due to retinoids: clinical and laboratory studies.)

Was wir über AHAs und BHAs (chemische Peelings) wissen

Alpha-Hydroxysäuren (AHAs) erhöhen nachweislich die UV-Empfindlichkeit der Haut. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat die Studienlage geprüft und festgestellt, dass topische AHAs während der Anwendung die Lichtempfindlichkeit erhöhen. Studien mit Menschen zeigten eine durchschnittliche Steigerung der UV-Empfindlichkeit und etwa eine Verdopplung der Zellschäden durch UV-Strahlung nach einigen Wochen Anwendung. Deshalb empfiehlt die FDA auf AHA-Produkten einen „Sonnenbrand-Warnhinweis“ und rät zu Sonnenschutz und begrenztem Sonnenkontakt während der Anwendung. Die erhöhte Empfindlichkeit klingt meist etwa eine Woche nach Absetzen wieder ab. (Quelle: U.S. Food and Drug Administration. Guidance for Industry: Labeling for Cosmetics Containing Alpha Hydroxy Acids as Ingredients, 2005.)

Warum eine lange Sommerpause Ihren Behandlungserfolg gefährden kann

Eine mehrmonatige Pause bei wirksamen Behandlungen bedeutet nicht nur, dass Sie Ihren „Sommer-Glow“ verlieren. Bei vielen Hautproblemen ist eine kontinuierliche Anwendung entscheidend.

Wenn Sie nach einer Behandlung mit oralem Isotretinoin eine topische Retinoid-Therapie zur Aknekontrolle fortsetzen, senkt das das Risiko eines Rückfalls. Eine Pause von mehreren Monaten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Akne zurückkommt. (Quelle: Morales-Cardona CA, Sánchez-Vanegas G. Acne relapse rate following oral isotretinoin.)

Bei Anti-Aging-Wirkstoffen regen Retinoide über Monate die Kollagenbildung und Hauterneuerung an. Eine längere Pause bedeutet, dass Sie einen Teil dieser Effekte verlieren.

Und bei Pigmentstörungen wie Melasma ist Sonnenlicht ein Hauptauslöser. Wenn Sie während der sonnigen Monate Behandlungen zur Pigmentkontrolle – etwa mit Hydrochinon – unterbrechen, kann sich das Melasma verschlechtern. Das heißt: Gerade im Sommer die Pigmentbehandlung abzusetzen, kann kontraproduktiv sein. (Quelle: Role of Antioxidants in Melasma: A Systematic Review.)

Praktische Tipps: Was Sie statt „einfach absetzen“ tun können

Für die meisten aktiven Wirkstoffe gelten ähnliche Empfehlungen:

  • Verwenden Sie täglich einen Breitbandsonnenschutz. Tragen Sie ihn bei längerer Sonnenexposition mehrmals auf. Ein guter Sonnenschutz ist das beste Mittel, um viele Wirkstoffe sicher weiter anzuwenden.
  • Tragen Sie Retinoide abends auf. So schützen Sie den Wirkstoff vor Lichtabbau und reduzieren Hautreizungen bei Tageslicht.
  • Wenden Sie bei Hitze sanfter an. Wechseln Sie vorübergehend zu niedrigeren Konzentrationen oder reduzieren Sie die Häufigkeit, bis sich Ihre Haut anpasst.
  • Bei AHAs/BHAs: Achten Sie besonders auf Sonnenschutz. Bei Irritationen oder erhöhter Lichtempfindlichkeit können Sie die Anwendung kurz pausieren – die Wirkung auf die Lichtempfindlichkeit klingt meist innerhalb einer Woche ab. (Quelle: U.S. Food and Drug Administration.)
  • Bei Melasma: Gehen Sie nicht einfach davon aus, dass der Sommer die Zeit zum Absetzen der Pigmentbehandlung ist. Da UV-Strahlen Melasma verschlechtern, kann eine Pause die Symptome verschlimmern. Sprechen Sie vor einer Unterbrechung mit Ihrer Hautärztin oder Ihrem Hautarzt.
  • Vereinfachen Sie Ihre Routine, wenn nötig. Leichtere Feuchtigkeitscremes und nicht fettende Sonnenschutzmittel machen die Anwendung tagsüber angenehmer, ohne auf wichtige Wirkstoffe zu verzichten.

Besprechen Sie Änderungen Ihrer Behandlung immer mit Ihrer Hautärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie verschriebene Medikamente absetzen.

Wann Sie ärztliche Hilfe suchen sollten

Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt, wenn Sie starke Hautreizungen, offene Wunden, Anzeichen einer Infektion (zunehmende Schmerzen, sich ausbreitende Rötung, Eiter) oder einen schnell schlimmer werdenden Ausschlag bemerken. Wenn eine Hautstelle sich deutlich verändert – etwa verdickt, blutet oder sich rasch verändert –, sollten Sie medizinische Abklärung suchen.

Kurz-Tipp zum Beobachten der Hautveränderungen

Es kann hilfreich sein, Fotos von den behandelten Hautstellen zu machen, um Veränderungen über die Zeit besser zu erkennen. So fällt es leichter, mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen, was sich verbessert oder verschlechtert hat.

Haftungsausschluss

Dieser Artikel dient nur zur Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Besprechen Sie mit Ihrer Hautärztin oder Ihrem Gesundheitsdienstleister, welche Behandlung für Ihre Haut am besten ist.

Quellen

  1. Del Rosso JQ, Harper J, Pillai R, Moore R. Tretinoin photostability: comparison of micronized tretinoin gel 0.05% and tretinoin gel 0.025% following exposure to fluorescent and solar light. J Clin Aesthet Dermatol. (Quelle: Del Rosso JQ et al., J Clin Aesthet Dermatol.)
  2. Ferguson J, Johnson BE. Photosensitivity due to retinoids: clinical and laboratory studies. doi:10.1111/j.1365-2133.1986.tb05742.x (Quelle: Ferguson & Johnson.)
  3. U.S. Food and Drug Administration. Guidance for Industry: Labeling for Cosmetics Containing Alpha Hydroxy Acids as Ingredients. Rockville, MD: US Department of Health and Human Services; 2005. (Quelle: U.S. Food and Drug Administration.)
  4. Morales-Cardona CA, Sánchez-Vanegas G. Acne relapse rate and predictors of relapse following treatment with oral isotretinoin. Actas Dermosifiliogr. (Quelle: Morales-Cardona CA & Sánchez-Vanegas G.)
  5. Role of Antioxidants in Melasma: A Systematic Review. doi:10.4103/ijd.ijd_473_24 (Quelle: Role of Antioxidants in Melasma: A Systematic Review.)
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